Innovationsförderung und Evaluation

Kürzlich erschien ein Evaluationsbericht zu Innovationsprojekten der eidgenössischen Finanzkontrolle zur staatlichen Innovationsförderung (KTI). Von den 81 untersuchten Projekten der Jahre 2000 bis 2014 stellen rund 2/3 weiterhin eine «relevantes Unterfangen» dar. Rund ein Viertel der Projekte führte zu markttauglichen Produkten. Ist das nun viel oder wenig?

Jedenfalls im Hinblick auf die knappe Milliarde Franken, welche durch die Innoswiss, wie die KTI neu heisst, in den Jahren 2017 bis 2020 künftig investiert, stellt sich daher die Frage, wie effizient diese Förderung ist (vgl. Programm).

Primär ist dies eine politische Frage (bspw. aus NZZ aus 2017): Das heisst, sie dient der Profilierung jener, welche diese Frage diskutieren. Gänzlich ausschliessen kann ich mich da selbst auch nicht...

...Sicherlich: Innovationsförderung sollte zunächst keine versteckte Forschungsförderung sein, sondern praxisbezogen wirken. Sie soll die Wirtschaft stützen helfen und zu Standortvorteilen führen. Inwiefern sie zu überflüssigen oder gar sinnlosen Produkten führt, oder ökonomische, ökologische und soziale Folgenschäden produziert, ist hingegen eher eine zweitrangige Frage. Diese lässt sich – soweit überhaupt abschätzbar - allenfalls in Kriterienkatalogen der Förderung berücksichtigen. Wobei: Es wäre eigentlich weniger eine Frage, ob wir Innovation wollen, sondern welche.  Das Risiko war bisher wohl allerdings, dass Innovationsförderung gehemmt würde, gäbe man der zweiten Frage mehr Gewicht. Und so gilt halt oft die sehr vereinfachte Formel: Innovation ist progressiv.

Der vorliegende Evaluationsbericht der Finanzkontrolle fordert schliesslich relativ neutral eine Begleitevaluation der Innosuisse-Aktivitäten. Die Forschung fordert nach weiterer Forschung. Das gehört sich so, denkt der Forscher.

Zwischen Erfolgsmessung und Verhaltensreflexion

Es wäre der KTI Unrecht getan, würde man ihr unterstellen, ihr Verhalten nicht zu reflektieren. Sie erstellte ihrerseits Wirkungsanalysen ihrer Förderung, diskutiert diese und zieht auch relevante Schlussfolgerungen daraus (vgl.).

Und dies ist der Aspekt, warum ein solcher Blogbeitrag hier Sinn macht:  Es steht zumindest ansatzweise eine Selbstevaluation einer Fremdevaluation direkt gegenüber. Und dies dürfte selten sein.

Kurz zunächst grundsätzliches: Wann kann Selbstevaluation Fremdevaluation ersetzen? Dies dürfte nur sinnvoll sein, wenn eine Selbstevaluation zwingend notwendig ist, um die weitere Existenz einer Institution nicht allenfalls in Gefahr zu bringen. Anders gesagt: Selbstevaluation dürfte nur dann genügend rigoros durchgeführt werden, wenn das evaluierte Objekt für seine Gestalter von existentieller Bedeutung ist. Nur dann wird ein Projektabbruch bei Misserfolg zu einer gleichberechtigten Option.  Ansonsten wird Selbstevaluation im Schlimmsten Fall zur Selbstbeweihräucherung und im besten Fall zur Optimierungsübung.

Letztere trifft in dem Bezug auf die Wirkungsanalysen der KTI denn auch im Wesentlichen zu während jene Bemerkungen durch die Finanzkommission durchaus tiefer zielen.

Insofern hängt bei der Evluationsfrage auch viel von der Fragestellung ab. Während jene der Selbstevaluation durchaus eher «konstruktiv» ist im Sinne einer Optimierung – ist jene der Fremdevaluation eher «politisch». Je grösser nämlich der politische Druck sein dürfte, desto eher besteht wohl das Risiko, dass eine externe Evaluation (als Begleit- oder Expost-Forschung) sich auf «politische» Fragestellungen beschränkt, respektive eine interne Evaluation diese allenfalls zu antizipieren versucht.

Konkret: Relativ politisch ist Frage der Finanzkontrolle, inwiefern die Realisierung eines Innovationsprojektes von der KTI-Förderung abhängig ist oder nicht. Viele Projekte – so die Antwort  - wären auch ohne die maximal 50%ige Innovationsförderung durch die KTI weitgehend unverändert realisiert worden. Implizit steht hier der Vorwurf, dass hier Wasser in den Rhein getragen wurde. Detaillierte Ergebnisse hingegen, ob dabei die KTI-Unterstützung die Projektumsetzung optimiert oder lediglich vereinfacht hat, erwähnt der Bericht nicht. Allenfalls liefert die Fragestellung zum administrativen Aufwand um an eine KTI-Unterstützung zu gelangen und zu halten eine Antwort. Hier zeigten die Projektnehmer kaum Kritik.

Wir in einem zweiten Schritt verglichen, inwiefern auch die oben kurz angesprochenen, weiteren Fragestellungen zum Zuge kommen, so sieht dies bezüglich der externen Evaluation problematischer aus.  Kriterien, wie arbeitsmarktliche und marktwirtschaftliche Relevanz eines Produktes werden unzweifelhaft angesetzt. Sie werden jedoch projektspezifisch eingesetzt und – wohl weitgehend zwangsläufig – nicht aus einem volkswirtschaftlichen Rahmen. Die Frage also, inwiefern Innovationsförderung konkret «mehr bringt» als «kostet» bleibt eigentlich ausgeklammert. Zugegeben, es dürfte relativ schwierig sein, diese Frage seriös zu bearbeiten – allerdings öffnet die Leerstelle ihrer Nichtbeantwortung auch der Spekulation Tür und Tor.

Ein interessanter Nebenaspekt im Zusammenhang solcher «Innovationsförderungs-Evaluationen» wäre es denn – um auf einem Mikrolevel der Evaluation zu bleiben -, zu prüfen, inwiefern Projektabbrüche und die Nicht-Förderung (durch die KTI von Projekten) «ertragreich» sein kann. Dies gemäss der Erfahrung, dass Innovationen ja per se oft höherer Blödsinn sind und daher als Idee gut, aber als Umsetzung zu vermeiden wären. Hier setzen die Kosten einer Evaluation selbst allenfalls frühe Grenzen.

Evaluation zwischen Produkt und Prozess

Aber vielleicht beginnen die Grenzen von Evaluation bereits einiges früher als hier spekuliert wird. Das Ergebnis des Evaluationsberichts, dass rund vier bis sieben Jahre gerechnet werden müsse, zwischen dem Ende eines KTI-Projektes und der Generierung eines wirtschaftlichen Nutzens, lässt aufhorchen. Dies ist eine lange Zeit – speziell, wenn die Marktbearbeitung oftmals eher der kritischere Punkt eines Innovationsprojektes als dessen technische Umsetzung sei, wie ebenfalls ein zentrales Ergebnis lautet.

Insofern:  Auch eine tiefgreifende Evaluation entpolitisiert die Fragen um eine staatliche Innovationsförderung nicht. Aber sie könnte den Diskurs darüber tiefschürfender gestalten. Und letzteres könnte echten Innovationen und ihrer Durchsetzung zur Durchsetzung verhelfen. Wenn allenfalls das Marketing die Marktfähigkeit von Innovationen massiv beeinflusst, dann dürfte es Gift für die Innovationsförderung sein. Es verschleiert durch die anschlussfähig Ausgestaltung der Idee deren Potential. Denn Innovation wäre per se das eigentlich das, worauf eben niemand anders gekommen ist.

 

(Noch ein etwas älterer, aber kurz und bündiger Literaturhinweis zum Thema)